| Titel im Fokus | WKN |
|---|---|
| Vertiv Holdings Co. | A2P0ST |
Über Kühlsysteme, überhitzte Kurse, mögliche Drawdown-Opfer und Whistleblower
Ein Kauf von Vertiv-Aktien steht auf der fünften Position unseres Topkäufe-Rankings gemäß Depotanteil. Aufgrund des relativ kleinen Volumens schaffte es diese Transaktion aber nicht unter die first five im Ranking der Absolutbeträge.
Wer ist Vertiv, was stellt das Unternehmen her?
„Vertiv ist ein amerikanischer, multinationaler Anbieter von kritischen Infrastrukturlösungen und Dienstleistungen für Rechenzentren, Kommunikationsnetzwerke sowie kommerzielle und industrielle Anwendungen“ (Wikipedia).
Das Unternehmen mit Hauptsitz in Westerville, Ohio, beschäftigt aktuell weltweit etwa 34.000 Mitarbeiter in über 40 Ländern. Seit 2016 firmiert es in Folge einer Übernahme unter seinem aktuellen Namen, hat aber bereits mehrere „Häutungen“ und eine Vielzahl von Übernahmen hinter sich, die entscheidend die Unternehmensevolution mitbestimmten.
Unternehmerische Urzelle ist Capitol Refrigeration Industries, eine 1946 von Ralph Liebert gegründete Garagenfirma für Präzisionsklimaanlagen. Der gründete dann 1965 die Liebert Corporation, die auf Klimaanlagen für Computerräume spezialisiert war. 2000 ging das Unternehmen in Emerson Network Power (ENP) auf, das 2016 nach Übernahme durch das Private-Equity-Unternehmen Platinum Equity zu Vertiv wurde.
Vertiv bedient drei zentrale Endmärkte: Rechenzentren, Kommunikationsnetzwerke, Kommerzielle und industrielle Infrastrukturen (Wikipedia). Zu den wichtigsten Kunden zählen nach Wikipedia-Angaben u.a. Alibaba, America Movil, AT&T, China Mobile, Equinix, Ericsson, Siemens, Telefonica, Tencent, Verizon und Vodafone.
Wir schauen uns zur weiteren Orientierung zuerst den Kursverlauf der Vertiv-Aktie in jüngerer Zeit an. Im laufenden Jahr hat der Aktienpreis zwischen Anfang Januar bis Mitte Mai von rund 176 auf 376 US-Dollar zugelegt. Das ist ein Zuwachs von 114 Prozent. Seither ist der Kurs im Trend gefallen, mit einem sehr auffälligen V-Zacken Ende Juli/Anfang August – auf den wir nachher noch näher eingehen.
Aktuell steht der Kurs bei 255 USD, das sind rund 45 Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Über 1 Jahr hat die Aktie 106 Prozent zugelegt, über 3 Jahre rund 800 Prozent.
Der Aktienkurs ist seit 2023 „gefühlt“ – d.h. mit bloßem Auge betrachtet – mindestens exponentiell „explodiert“, wenn nicht partiell hyperbolisch; die Allzeitspitze wurde im Mai 2026 erreicht. Was ist der Hintergrund dieses Kursprofils.
Vertiv profitierte bislang massiv vom KI-Boom, der in diesem Jahr häufig weniger die Aktienkurse von KI-Unternehmen als die von Unternehmen für die KI-Infrastruktur nach oben trieb, wozu auch Vertiv gehört.
Allerdings ist Vertiv, wie bereits gesagt, bereits seit 2023 im exponentiellen Aufwärtstrend. Das hat insbesondere damit zu tun, dass sich Vertiv seit 2023 zunehmend stärker auf (Flüssig-)Kühlsysteme für Hochleitungschips konzentrierte. In diesem Bereich war Luftkühlung an Grenzen gestoßen, so dass Flüssigkühlung Mittel der Wahl war; und hier ist Vertiv führend.
Das Unternehmen ging darüber hinaus mit Nvidia eine Entwicklungspartnerschaft ein, Vertiv-Kühlung und Nvidia-Chip wurden fortan eng koevolutionär leistungsgesteigert. Der Auftragsbestand wuchs dadurch 2024 massiv, was dem Aktienkurs immer stärkeren Aufwind verlieh.
Da Vertiv nicht nur Kühlsysteme liefert, sondern auch wesentliche elektrische Systeme, erlangte das Unternehmen aufgrund der hohen Nachfrage auch in diesem Bereich immense Preissetzungsmacht. Das widerspiegelte sich in hohem Gewinnwachstum.
Der bereinigte Gewinn pro Aktie (EPS) wuchs von 0,52 USD (2022) vor Beginn des KI-Booms, über 1,77 USD (2023), 2,80 USD (2024) auf 4,10 USD im Jahr 2025. Vertiv entwickelte sich in dieser Zeit von einem zyklischen Hersteller von technologischen Nischenlösungen zu einem Flaschenhals-Quasi-Monopolisten für KI-Infrastruktur weltweit.
Die weiterhin extrem optimistischen Erwartungen trieben zunächst auch 2026 den Kurs weiter nach oben. Die Quartalszahlen für das erste Quartal fielen hervorragend aus, sowohl der Umsatz als auch der Gewinn lagen deutlich über den Markterwartungen und das Management hob zudem auch noch die Jahresprognose an.
Diese Kombination ließ erwartungsgemäß die Analysten ihre Kursziele nach oben schrauben, aber der reale Kurs stieg noch weiter nach oben. Bei einem durchschnittlichen Kursziel der Analysten von rund 335 USD erreichte der Kurs der Vertiv-Aktie am 14. Mai 376 USD.
Offenbar verkauften ab diesem Zeitpunkt vor allem Großanleger systematisch, um Kursgewinne einzufahren. Infolge fallender Kurse wurde die Vertiv-Story zunehmend kritischer hinterfragt.
Am 29. Juli 2026 veröffentlichte Vertiv vor Börseneröffnung die Zahlen für das 2te Quartal. Bei überraschend starken Gewinnen blieb der Umsatz jedoch hinter den Erwartungen der Analysten zurück. Das Management führte „temporäre Projektverschiebungen und Lieferkettenengpässe“ als Gründe an und erhöhte abermals die Jahresprognose, dennoch verlor die Aktie an jenem Mittwoch über 17 Prozent.
Dieser temporäre Einbruch – von dem sich der Kurs bis Mitte August wieder erholt hatte – hat nun möglicherweise auch juristische Folgen. Mehrere berühmte US-Sammelklage-Kanzleien – so Hagens Berman und Pomerantz LLP – untersuchen derzeit, ob die Unternehmensführung mit den Angaben zum ersten Quartal (am 22.4.26) wesentliche operative Risiken und Engpässe verschwiegen hat, während sie zugleich die Finanzprognosen für 2026 anhob.
Geprüft wird, ob etwa die für den Umsatz im zweiten Quartal genannten Gründe – wie „temporäre Projektverschiebungen und Lieferkettenengpässe“ – oder andere Informationen, die dem kommunizierten optimistischen Narrativ widersprechen, nicht auch schon am 22. April 2026 bei Veröffentlichung der Q1-Zahlen bekannt waren. Denn das wäre bewusste Täuschung der Anleger gewesen.
Daher riefen die Kanzleien in der Berichtswoche Anleger mit starken Verlusten wegen möglicher Schadensersatzforderungen auf, sich zu melden. Auch Whistleblower sollen mit den Anwälten Kontakt aufnehmen. Gelockt wird mit dem Whistleblower-Programm der US-Börsenaufsicht SEC, das Belohnungen von bis zu 30 Prozent der Strafsumme vorsieht.
