| Titel im Fokus | WKN |
|---|---|
| Kongsberg Maritime ASA | A429K5 |
Duale Separierung von Dual Use
In unserer Käufeliste der Berichtswoche Nr. 38 ist ein Erwerb von Aktien des norwegischen Unternehmens Kongsberg Maritime ASA verzeichnet. Der Kauf steht allerdings nicht in unserer first-five-Liste der Berichtswoche (siehe „Käufe und Verkäufe“), sondern auf Rang 7 gemäß Umsatzgröße.
Wer den Newsletter der Woche 37 gelesen hat, kann sich vielleicht erinnern, dass wir in diesem unter „Titel im Fokus“ bereits ein Unternehmen besprachen, in dessen Firmenname ebenfalls „Maritime“ enthalten ist. Es handelte sich um die griechische Reederei Seanergy Maritime.
Kongsberg Maritime ist jedoch keine Reederei, sondern ein Technologieunternehmen, aber eines, das zur Frage „Synergie oder Nicht-Synergie“ vielleicht ein noch engeres Verhältnis hat als Seanergy.
Kongsberg Maritime ASA entstand erst im Frühjahr 2026 als Abspaltung.
Wikipedia zufolge ist das Unternehmen auf die 1814 gegründete Kongsberg Våpenfabrikk zurückzuführen, die bis 1987 existierte.
Nachdem das Unternehmen unter starken finanziellen Druck geraten war und zudem bekannt geworden war, dass man zusammen mit Toyota in den 1970er Jahren moderne NC-Drehmaschinen an die UdSSR verkauft hatte, was einen Verstoß gegen die CoCom-Vorschriften darstellte („KV-Toshiba-saken“), wurde der Name von Kongsberg Våpenfabrikk in Norsk Forsvarsteknologi (NFT) geändert. Forsvars bedeutet Verteidigung – aus „Waffenfabrik“ wurde also „Verteidigungstechnologie“.
Im Gefolge der Krise von 1987 wurde Kongsberg Automotive eigenständig, wobei wir hier anmerken wollen, dass diese Aktiengesellschaft mit unserem Thema – Kongsberg Gruppen und Kongsberg Maritime – nichts zu tun hat.
Norsk Forsvarsteknologi wurde 1995 zu Kongsberg Gruppen und gilt als größtes Rüstungsunternehmen Norwegens.
Mit der Abspaltung von Kongsberg Maritime wurde die zivile Marinetechnologie als eigenständiges Unternehmen unter neuem Namen am 23. Apirl 2026 an die Osloer Börse gebracht. Schwerpunkte von Kongsberg Maritime sind u.a. Antriebe, Frachter-Automatisierung oder zivile Vermessungsecholote für flache Gewässer.
Unter dem Dach des verbliebenen Rüstungsunternehmens Kongsberg Gruppen ASA werden nun Kongsberg Defence & Aerospace (Raketen, Luftabwehr) und Kongsberg Discovery (Sicherheits-Sensorik und militärische Cyber-Systeme) weitergeführt.
Da Militärtechnologie den strengen Rüstungsexportkontroll-Vorgaben der NATO und des norwegischen Staates unterliegt und man mit Verstößen dagegen bereits einschneidende negative Erfahrungen gemacht hat, wurde man mit der Abspaltung des zivilen Bereichs eine eindeutige organisatorische Separierung gewählt.
Das ermöglicht es Kongsberg Maritime nun ohne größere Hindernisse und langwierige Prüfungen durch Rüstungsexportkontroll-Behörden mit seinen zivil genutzten Produkten und Dienstleistungen auf dem globalen Markt zu operieren.
Man versuchte vor allem auch die „Dual-Use“-Technologien mit militärischer und ziviler Nutzung klar zu separieren.
Man würde nun erwarten, dass dadurch Synergien nicht genutzt werden können, die andernfalls „geerntet“ werden könnten.
Zunächst bestehen Zulieferer-Beziehungen zwischen den nun getrennten Kongsberg-Aktiengesellschaften und es gibt vertraglich geregelte Technologietransfers in Schnittmengenbereichen wie Sensortechnik, autonome Systeme und Cyber-Sicherheit.
Wesentlich für Dual-Use-Güter ist Kongsberg Discovery unter dem Dach der Rüstungs-Aktiengesellschaft. Diese „Division“ dient als rechtliche und technologische Schnittstelle für Dual-Use-Güter und somit auch zwischen dem Rüstungsverwendungs- und dem Zivilverwendungs-Unternehmen.
Bei einer Innovation im militärischen Bereich prüft Discovery, ob die Neuerung auch „demilitarisiert“, d.h. auch ohne geschützte militärische Spezifikationen verwendet werden kann. Wenn das möglich ist, kann die Innovation über ein vertraglich fixiertes Lizenzmodell zu Kongsberg Maritime für die zivile Nutzung transferiert werden. Dabei bleibt das Patent beim Rüstungsunternehmen.
Synergien können also genutzt werden, aber Hürden bestehen und Kosten entstehen dennoch durch die Abspaltung sowie durch Kontroll- und Prüfprozesse, an denen immer auch noch nationale Behörden – d.h. externe Instanzen beteiligt sind.
Entscheidend scheint jedoch zu sein: Erstens können im Kongsberg-Modell die Innovationsorte und die Transferrichtungen der Innovationen klar separiert werden: Wenn eine Innovation im Unternehmen für den zivilen Bereich erfolgt, kann sie ohne einschlägigen (insbesondere auch externen) Rüstungskontrollaufwand zivil genutzt und gegebenenfalls zum Rüstungsunternehmen transferiert werden.
Der zusätzliche Rüstungskontrollaufwand ist nur erforderlich, wenn der Transfer vom militärischen (M) in den zivilen (Z) Verwendungsbereich geht. Wäre die Trennung in rechtlich separate Unternehmen nicht erfolgt, wäre es zumindest für die externen Kontrollinstanzen weniger klar, ob die Innovationsquelle im M- oder Z-Bereich liegt, so dass auch eine rein zivile Innovation Rüstungskontrolle auf den Plan riefe. Die Separierung sollte beim Kongsberg-Modell also die rüstungsspezifischen Kontrollkosten reduzieren.
Zweitens erfolgt beim Kongsberg-Modell die Trennung und rüstungsspezifische Kontrolle von Dual-Use-Produkten so weit wie möglich intern bei zugleich hoher Transparenz im externen Verhältnis (durch explizite Verträge). Beim alten Modell, ohne Aufspaltung in rechtlich eigenständige Unternehmen, erfolgte die Kontrolle häufiger und mit größerem Aufwand durch externe Kontrollorgane.
Man reduziert also mit diesem Modell die sehr langsamen, weil von Wirtschaftlichkeitserwägungen bzw. der Kapitalrechnung abgekoppelten pflichtgemäßen (staatlichen) Fremdkontrollen, indem nun ein größerer Anteil durch schnellere und effektivere Selbstkontrolle plus vertragliche Transparenz ersetzt werden kann.
Dabei ist auch zu erwähnen, dass der norwegische Staat an beiden Kongsberg-Aktiengesellschaften, am Rüstungs- wie am Zivilverwendungs-Unternehmen, mit ganz knapp über 50 Prozent (genau 50,004%) beteiligt ist.
Darüber hinaus ist das Kongsberg-Separierungs-Modell nur ab einer gewissen Unternehmensgröße eine Option; sie ist für sehr kleine Firmen in diesem Bereich nicht realistisch, weil den potentiell separierten Teilen die „kritische Masse“ fehlt.
Die Kongsberg-Maritime-Aktie – die an der Börse Oslo am liquidesten gehandelt wird – hat seit 23.4.2026 fast 4 Prozent verloren, allerdings bei einem V-Profil: bis Ende Juni zeigte der Trend nach unten, seither zeigt er nach oben. In den letzten 4 Wochen steigerte sich ihr Wert um 15 Prozent.
